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Der Anker Effekt beim Pricing. Warum wir Schnäppchen sehen wo keine sind

Wer hat es noch nicht erlebt: Du kommst aus dem Laden, die Tüte in der Hand, und hast ein gutes Gefühl. „Das war runtergesetzt.“ „Ich hab gespart.“ „Ein echtes Schnäppchen.“

Aber stimmt das eigentlich? Das Grundprinzip von Sparen ist Werterhalt. Sparen heißt: Geld bleibt bei dir. Wer etwas kauft, nur weil der Preis vermeintlich niedrig war, hat aber das Gegenteil getan – Geld weg, Sache da. Das ist kein Sparen, das ist Ausgeben mit gutem Gefühl.

Und genau dieses gute Gefühl ist kein Zufall. Es ist gemacht. Die Werbepsychologie nennt das Anchoring. Etwas direkter gesagt: Gaslighting beim Pricing. Erst wird unser Wertempfinden mit einem hohen Preis verankert, dann mit einem reduzierten Preis erleichtert. Wir glauben, klüger als der Markt zu sein – dabei sind wir gerade in eine sehr alte Falle getappt.

In diesem Artikel geht es darum, wie wir uns selbst und unsere Kinder vor diesem Effekt schützen. Denn was bei uns funktioniert, funktioniert bei Kindern doppelt.

Unser Gehirn vergleicht nie absolut. Niemand weiß „objektiv“, was 99 Euro wert sind. Aber wenn wir erst 199 Euro sehen und danach 99 Euro, fühlt sich der zweite Preis günstig an. Auch wenn wir freiwillig nie 99 Euro für genau diesen Pullover oder diese Sneaker bezahlt hätten.

Der erste gezeigte Preis wird zum Anker, an dem unser Wertempfinden festmacht. Alles, was darunter liegt, wirkt wie ein Gewinn – auch wenn es mit dem tatsächlichen Wert nichts zu tun hat. Werbung verkauft deshalb selten ein Produkt. Sie verkauft das Gefühl, ein Schnäppchen gemacht zu haben.

Bei Kindern wirkt dieser Effekt noch heftiger als bei uns. Der Grund: Sie haben keinen Vergleichswert im Kopf. Ein Achtjähriger weiß nicht, was eine Spielzeugfigur normalerweise kostet. Eine Vierzehnjährige hat noch keine Erfahrung, ob 79 Euro für Sneaker viel oder wenig sind. Sie sehen den durchgestrichenen Preis – und glauben, ein Schnäppchen zu machen.

Bei Grundschulkindern beginnt das oft im Spielwarenladen, beim Pokémon-Booster oder beim Sammelheft: „60 Prozent reduziert!“ Bei Teenagern verschiebt es sich, und gleichzeitig wird es teurer: Sneaker-Drops, Limited Editions, Sale-Push-Nachrichten in Apps, „nur heute“-Banner auf TikTok und Instagram. Der Mechanismus ist derselbe – nur das Produkt hat eine Null mehr.

Es gibt eine einzige Frage, die jeden Anker zerschneidet – für uns selbst und für unsere Kinder: „Würde ich das auch kaufen, wenn der durchgestrichene Preis nicht da wäre?“ Wer sich diese Frage am Sale-Banner stellt, kauft plötzlich anders ein.

Bei jüngeren Kindern reicht eine kleine Variante: „Stell dir vor, da steht nur 99 Euro – einfach so, ohne Streichpreis. Würdest du das dann immer noch wollen?“ Wenn die Antwort „nein“ oder ein leises „hmm“ ist, war der Wunsch nicht echt. Er war eine Reaktion auf Marketing.

Bei Teenies geht es einen Schritt weiter: „Schau mal kurz auf dem Handy, was das woanders kostet.“ Drei Sekunden Recherche entlarven die meisten Schnäppchen. Was sich anfühlt wie ein Glücksfall, ist in vielen Fällen einfach der Marktpreis – mit einem teuren Pseudo-Anker davor.

Eine Familienroutine, die langfristig wirkt: Wenn ihr unterwegs Werbung seht – „Nur heute! 70 Prozent!“ – frag dein Kind nicht „Willst du das?“, sondern: „Glaubst du, das ist wirklich ein Schnäppchen?“ Aus Konsum wird ein Gespräch. Aus Reaktion wird Reflexion. Und genau dort entsteht Finanzkompetenz – nicht im Vortrag, sondern im Mitdenken.

Und noch eine Idee, die im Alltag richtig Spaß macht: „Ich sehe was, was du nicht siehst – freche Werbung.“ Macht ein Spiel daraus, gemeinsam Werbetricks zu entlarven. Streichpreise. Countdown-Banner. „Nur noch 2 verfügbar.“ „Bestseller“-Sticker. „Nur heute“-Schilder. Wer einen Trick zuerst erkennt, zeigt ihn dem anderen. Plötzlich ist Werbung kein unsichtbarer Hintergrund mehr – sondern eine Methode, die man durchschaut. Und Kinder, die einmal die Tricks sehen, lassen sich davon nicht mehr so leicht erwischen.

Wann hast du selbst das letzte Mal etwas gekauft, weil es reduziert war – und es danach nie wieder angefasst?

Was Kinder im Umgang mit Geld wirklich prägt, ist nicht die App, das Buch oder das Programm. Es sind die kleinen Gespräche zwischen Tür und Angel, im Auto, an der Kasse. Eine gute Frage zur richtigen Zeit verändert mehr als jeder Vortrag.

culah ist als Familienraum genau dafür gedacht: ein geschützter Ort, in dem dein Kind echte Entscheidungen trifft – sparen, ausgeben, abwägen –, ohne dass echtes Geld auf dem Spiel steht. So entstehen Situationen, über die man sprechen kann, bevor es um echtes Geld geht. Aber das eigentliche Werkzeug bist und bleibst du. culah liefert die Situationen, ihr liefert die Worte.

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